Mirazur

Das azurblaue Meer vor Augen, die Gärten zu Füßen, die Berge im Rücken, den Sonnenuntergang über der Stadt und vor sich, auf dem Teller, eine Handvoll Produkte in absoluter Perfektion. Kurz gesagt: Ein Besuch im besten Restaurant der Welt. 




Ist es wirklich möglich, das beste Restaurant der ganzen Welt zu benennen? Seit 2002 versucht dies zumindest das britische "Restaurant Magazine" mit der Herausgabe der Liste „The World’s 50 Best Restaurants“, für deren Erstellung ein Gremium aus insgesamt etwas mehr als eintausend Fachleuten zuständig ist. Klingt spektakulär und ziemlich ambitioniert, denn ich glaube, es wäre schon unter uns Amateuren im Freundeskreis schwer, das beste Restaurant im Stadtteil eindeutig zu  bestimmen.

Daher ist es nicht nur für mich schwer nachvollziehbar, wie eintausend Menschen unter Hundertertausenden Restaurants auf der ganzen Welt eine aussagekräftige Liste definieren können.

Aber man sollte das Ganze nicht zu verbissen sehen, denn es ist eine tolle PR-Maßnahme für die Gastronomie und eines ist völlig klar: Jedes Restaurant auf dieser Liste zählt mit Sicherheit zu den besten Restaurants, die man auf der Welt besuchen kann und eine Nummer 1 auf dieser Liste, wäre wohl auch auf Platz 5, 10 oder 17 richtig platziert, zählt aber so oder so zum Nonplusultra an kulinarischen Erlebnissen, die man erleben kann.

Acht Restaurants konnten in den letzten 18 Jahren den Titel abräumen. Allein das El Bulli stand fünf Mal ganz oben auf dem Treppchen, dicht gefolgt vom Noma, dem dies vier Mal gelang. Weitere Titelträger waren das El Celler de Can Roca, die Osteria Francescana und The French Laundry die je zwei Mal gewannen, sowie The Fat Duck  und das Eleven Madison Park, die sich jeweils ein Mal über den Titel freuen konnten. Die aktuelle Nummer 1 ist das Mirazur in Menton an der Côte d’Azur.

Und mein Besuch ebendieses Mirazur war die Restaurantvisite, auf die ich in den vergangenen zwölf Monaten am häufigsten angesprochen wurde. Dabei jedes Mal mit  der alles entscheidenden Frage "Ist es wirklich das beste Restaurant der Welt?".

Diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten, denn in meinem gastronomischen Mikrokosmos habe ich zwar viel gesehen, probiert und erlebt, aber ein weltweites Urteil könnte ich gar nicht fällen und ich würde mir auch niemals anmaßen dies zu tun. Aber einfach mal über den Tellerrand hinausschauen und euch von meinem  kulinarischen Erlebnis in Menton erzählen, das sollte erlaubt sein.

Bei einem Besuch des Mirazur spielt das ganze drum herum natürlich eine wesentliche Rolle. Ich besuche das Restaurant im August 2019 als großes Finale einer fünftägigen Tour durch Frankreich, auf der ich jeweils im Elsass, im Burgund, an der Rhone und an der Côte d’Azur in Cannes, Nizza und schließlich in Menton Station mache. Und wenn man seit Tagen in den schönsten Regionen der Welt unterwegs ist, befindet man sich in einem Zustand der Glückseligkeit, befangen, voreingenommen und kaum in der Lage, ein objektives Urteil über was auch immer zu fällen.

Das Restaurant liegt, nur wenige hundert Meter von der italienischen Grenze entfernt, auf einem Felsen, umgeben von terrassenförmig angelegten Gärten und mit einem traumhaften Panoramablick auf das azurblaue Meer und die Stadt Menton. Chef und Inhaber ist Mauro Colagreco; ein Argentinier mit italienischen Wurzeln. 2001 kam er nach Frankreich und arbeitete unter anderem bei Bernard Loiseau, Alain Passard, Alain Ducasse und Guy Martin, bevor er 2006 sein Mirazur eröffnete. Gleich im ersten Jahr wurde dies mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. 2012 folgte der zweite Stern und 2019, fast zeitgleich mit der Nummer 1 bei TW50BR, der Ritterschlag mit Stern Nummer drei.

Wer jetzt davon ausgeht, dass bei einer solchen Reputation kulinarische Kompositionen mit Dutzenden Komponenten, angerichtet von mindestens zehn Händen  gleichzeitig, auf die Teller kommen, der irrt gewaltig. Ich habe hier einige der für mich persönlich besten Gerichte ever gegessen, aber so fantastisch sie auch waren, so  unübertroffen sind sie in ihrer vermeintlichen Einfachheit.

Die Produkte sind der Star, am liebsten aus dem eigenen Garten und gemeinsam so auf dem Teller, wie sie vor Stunden noch nebeneinander wuchsen. Phänomenal war  die Kombination aus der besten Foie gras die ich je gegessen habe, mit einem Steinpilz in ebensolcher Perfektion. Gemeinsam in einer Pilzconsommé vereint, braucht es  nicht mehr für ein unschlagbares Gericht.

Ebenso grandios war eine Tarte, über die hauchdünn Champignons gehobelt wurde, sowie die Rote Beete aus dem eigenen Garten mit Kaviarcrème. Den Rest erspare  ich euch, denn das kann man nicht beschreiben, sondern man muss es erleben.

Also fahrt nach Möglichkeit ins Mirazur, denn ich weiß zwar nicht, ob es das beste Restaurant der Welt ist, aber es ist definitiv ein unvergessliches kulinarisches Erlebnis und hiermit, als mein Schlußwort, die finale Empfehlung meines BEST OF THE WEST 2020.